Deutsch-polnische Schulbuchkommission

Mit dem Warschauer Vertrag sollte es auch eine Annäherung der Geschichtsbilder geben, um die sich die Deutsch-polnische Schulbuchkommission bemühte.

Neue Geschichtspolitik

Bei den Verhandlungen zum Warschauer Vertrag wurden die ersten Kontakte zwischen den Präsidenten der UNESCO-Kommissionen der Bundesrepublik und Polens im Jahr 1970 beschlossen. Diese kamen überein, daß eine aus polnischen und deutschen Historikern gebildete Konferenz Empfehlungen für die Gestaltung von Geschichts- und Geographieschulbücher erarbeiten sollte. Die erste Sitzung der Konferenz fand 1972 statt, und in den folgenden drei Jahren erarbeitete sie bei acht Treffen 26 Empfehlungen, welche die

Schulbuchkommission
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Prof. Eckert und Prof. Markiewicz

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deutsch-polnischen Beziehungen von den Anfängen bis 1970 umfassen. Grundlage der Empfehlungen war die Analyse von Schulbüchern aus beiden Ländern. Die Kommission tagte bis zur Wende noch weitere dreizehn Mal zu vertiefenden Diskussionen.

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Ach, können Sie mir nicht sagen, wo Ihre weiche Stelle sitzt
Die neue Ostpolitik 1969
Hitler-stalin-pakt 1939
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Der Hitler-Stalin-Pakt

Die Bedeutung der Konferenz ging über die Empfehlungen weit hinaus. Nachdem in der Politik und Wirtschaft mit dem Warschauer Vertrag eine neue Ära begonnen hatte, sollte die Kommission eine wissenschaftlich tragbare Sprachregelung für die deutsch-polnische Geschichte finden. Diese war jahrzehntelang in sehr unterschiedlichen, stark emotionalisierten

Versionen vermittelt worden; jetzt sollte eine allseits akzeptierte Geschichtserzählung die Annäherung fördern. Doch nicht in allen Punkten konnten die Teilnehmer einen Konsens finden. Teils setzte die Zugehörigkeit Polens zum kommunistischen Lager der wissenschaftlichen Freiheit Grenzen, so daß der in Polen ebenso tabuisierte Hitler-Stalin-Pakt unerwähnt blieb. Erst nach langen Diskussionen kam die Empfehlung 6 über den Deutschen Orden zustande, die zudem lediglich die unüberbrückbaren Unterschiede in der Bewertung des Ordens dokumentiert. ZitatNach den Worten des teilnehmenden Historiker Klaus Zernack stand in der Kommission ein optimistisches, in die Kraft geschichtswissenschaftlicher Reflexion vertrauendes Konzept von Beziehungsgeschichte einem Denkansatz gegenüber, „der auch für das historische Urteil unaufhebbare Meinungsgegensätze [...] hinnehmen möchte, wenn die jeweilige Staatsraison dies gebietet“.

Die Arbeit der Kommission wurde in der Bundesrepublik von Vertriebenenseite scharf angegriffen, insbesondere die Empfehlungen 21 und 22 über „Territoriale Veränderungen“ 1945 und über „Bevölkerungsverschiebungen“Zitat. Herbert Hupka meinte, die Konferenz diene allein dem Zweck, „aus der Geschichte die Dienerin einer annexionistischen und imperialistischen Politik zu machen und dem polnisch-kommunistischen Verlangen nachzugeben, eine geschichtliche Kontinuität für die gegenwärtigen Verhältnisse herzustellen“. Zudem solle der Begriff ‚Vertreibung‘ verdrängt werden.ZitatDer Bund der Vertriebenen veröffentlichte schließlich „Alternativ-Empfehlungen“. All diese Angriffe gehörten in den Kontext des Kampfes von Vertriebenen und Union gegen die Neue Ostpolitik. Die Kommision verteidigte sich. So Gotthold Rohde: „Wer 1945 vorausgesagt

hätte, daß polnische und deutsche Historiker und Geographen der Kriegsgeneration zwar hart, aber sachlich und höflich-kollegial in Warschau in deutscher Sprache über die Möglichkeit der Versachlichung der Schulbücher und des Geschichtsunterrichts verhandeln würden, wäre für geistesgestört erklärt worden.“
Die Konferenz kam 1988 zu dem Schluß, daß sie in der Bundesrepublik die Gestaltung der Schulbücher merklich beeinflußten, und auch der Ton in den polnischen Lehrbücher milder geworden sei.ZitatZugleich stellte sie fest, daß der Inhalt der Schulbücher zu einem großen Teil von anderen Faktoren abhing. Dennoch lieferten ihre Diskussionen einen wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschen und Polen.

Januar 1945    Mai 1945    17.7.1945    Herbst 1945    1952    1955    1958    18.11.1965    28.9.1969    1969    7.12.1970    1972    16.10.1978    1980    1981    12.11.1989    5.7.2002    13.12.2002    30.1.2003    31.5.2003    6.6.2003    8.6.2003    14.7.2003    13.12.2003    1.5.2004    13.6.2004    18.6.2004    1.8.2004    10.10.2004