Pommern - Pomorze 1918-2002

Pommern wurde 1945 polnisch und in einem mühsamen Prozeß in den polnischen Staat integriert.

Die Krisen nach dem I. Weltkrieg trafen Pommern schwer. Die Stettiner Industrie ging großenteils zugrunde, und der Hafen litt darunter, daß die Erzeugnisse des an Polen gefallenen oberschlesischen Reviers nun über Gdingen ausgeführt wurden. Insgesamt lag das Lohnniveau unter dem Reichsdurchschnitt, die Arbeitslosigkeit hingegen darüber. Ein Ansiedlungsprogramm sollte Abhilfe schaffen, und mehrere tausend Höfe entstanden. Schwer traf das Land auch die Agrarkrise von 1927-32, die die Landbevölkerung von den Gutsbesitzern entfremdete und vielfach vom deutschnationalen ins nationalsozialistische Lager trieb, denn die NSDAP erhielt im September 1932 43 % der Stimmen. Die Zustimmung für die Nazis erhöhte sich weiter, als deren wirtschaftliche Maßnahmen der Region erheblichen Nutzen einbrachten: Verkehrswege wurden ausgebaut, in

Pommern
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Eine neue Grenze durch Pommern

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Stettin öffneten wieder große Werften und andere Fabriken, die der von den traditionell militärfreundlichen Pommern begrüßten Wiederbewaffnung dienten. Doch unter Vertretern der in Pommern relativ schwachen Arbeiterbewegung, in der Bekennenden Kirche und in den am späten Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 beteiligten konservativen Kreisen regte sich Widerstand gegen das Regime.
1939 begann der Krieg, dessen Vorbereitung

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Die Hakenterrasse über der Oder bei Stettin
Stettin
Philipp von Bismarck
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Phillip von Bismarck

Pommern seinen Aufschwung zum Großteil verdankte. Nach dem Polenfeldzug trafen die ersten polnischen Zwangsarbeiter ein, die den Arbeitskräftemangel lindern sollten. Im April 1943 erreichte der Krieg mit dem ersten schweren Luftangriff gegen Stettin auch Pommern. In den ersten Monaten des Jahres 1945 wurden weite Teile Hinterpommerns rechtzeitig vor dem Einrücken der Roten Armee und in großer Ordnung

geräumt, die Flüchtlinge fanden in den Kreisen Vorpommerns Aufnahme. Jene, die abgeschnitten wurden, entkamen zum größten Teil von Kolberg, Gdingen oder Danzig über die Ostsee. Stettin wurde ebenfalls evakuiert und zur Festung erklärt, aufgrund der aussichtslosen Lage jedoch am 25. April aufgegeben. Die vielen, die zurückgeblieben waren oder denen die Flucht nicht gelang, traf die Vergeltung der sowjetischen Soldaten mit ganzer Härte. In Swinemünde starben am 17. März über 20.000 Flüchtlinge und Soldaten bei einem schweren Luftangriff.
In den Monaten nach Kriegsende herrschten in Pommern ebenso schwierige wie verwirrende Zustände: neben den sowjetischen Kommandaturen bestand bald eine polnische Verwaltung, und in Stettin, dessen Zukunft unklar war, wurden noch deutsche Bürgermeister Videoernannt. Die Potsdamer Konferenz schuf Klarheit über den Status Stettins, und immer mehr Polen kamen in Pommern an. Im Spätherbst 1945 begann die organisierte Aussiedlung der Deutschen, die sich über Jahre hinzog,

doch dauerte die Übergabe des Landes durch die Russen ebenfalls Jahre, da diese weiterhin vieles demontierten oder für eigene Zwecke nutzten.
Die Integration Pommerns in den polnischen Staat nahm Jahrzehnte in Anspruch. Teils herrschte Unsicherheit über die Zukunft des Landes, besonders unter den selber vertriebenen Ostpolen, denen eine weitere Vertreibung gut vorstellbar erschien. Überhaupt war die neue Bevölkerung von ihrer Herkunft her sehr gemischt, u. a. gab es eine größere ukrainische Minderheit. Dazu kamen strukturelle Probleme wie der Mangel an Fachkräften und Bildungseinrichtungen. Immerhin investierte Warschau in den Stettiner Hafen, der mit seinem Vorhafen Swinemünde zum zweitgrößten Hafen des Landes wurde und das Oberschlesische Revier mit der Ostsee verband. Dazu kamen symbolische Veranstaltungen unter dem Motto „Wir halten Wacht an der Oder“, die über

das Fehlen einer pommersch-polnischen Identität hinweghelfen sollten. 1959 bekräftigte Nikita Chrustschow mit seinem Besuch in Stettin die Verantwortung der Sowjetunion für die polnische Westgrenze. Auch die katholische Kirche leistete einen ideologischen Beitrag zur Integration.
Dennoch blieb die Haltung der Menschen in Pommern gegenüber dem Regime ablehnend. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde 1956 rückgängig gemacht, und 1970, 1976 und 1980 beteiligten sich die Stettiner Arbeiter an den Streiks gegen die Regierung und leisteten somit ihren Beitrag zum demokratischen Wandel 1989/90. Seit 1990 ist die Grenzfrage zwischen Polen und Deutschland endgültig geklärt, so daß man in Pommern seitdem unbefangener über die Oder blickt und für die Zeit nach dem EU-Beitritt Polens auf Vorteile aus der Grenzlage hofft.

Januar 1945    Mai 1945    17.7.1945    Herbst 1945    1952    1955    1958    18.11.1965    28.9.1969    1969    7.12.1970    1972    16.10.1978    1980    1981    12.11.1989    5.7.2002    13.12.2002    30.1.2003    31.5.2003    6.6.2003    8.6.2003    14.7.2003    13.12.2003    1.5.2004    13.6.2004    18.6.2004    1.8.2004    10.10.2004