Lodz

In der mittelpolnischen Textilmetropole lebten und arbeiteten Polen, Deutsche und Juden.

Obwohl Lodz, 120 km südwestlich von Warschau gelegen, 1423 Stadtrechte erhalten hatte, war es Ende des 18. Jh., als es in der zweiten Polnischen Teilung an Preußen fiel, ein Flecken mit nicht einmal 200 polnischen und jüdischen Einwohnern, doch begann der Ort, der ab 1815 zum von Rußland dominierten „Kongreßpolen“ gehörte, bald rasant zu wachsen. Wichtigster Impuls waren die besonderen Privilegien für deutsche Ansiedler, die der Sejmmarschall Rembielinski in den 1820ern im Westen Deutschlands sowie in Sachsen, Böhmen und Schlesien werben ließ. Die deutschen Weber, Spinner und Färber, die bald die Bevölkerungsmehrheit bildeten, übten zu Beginn ihr Handwerk traditionell in Heimarbeit aus, doch schon 1829 wurde die erste Textilmanufaktur gegründet, und zehn Jahre später läutete

Lodz
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Die Geyersche Textilfabrik in Lodz 1853

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das Fauchen der ersten Dampfmaschine das Industriezeitalter ein. Das maschinisierte Lodz überflügelte die Konkurrenz, was u. a. den Aufstand der schlesischen Weber in Schlesien 1846 mit verursachte.
1863 kam auch für Rußland und Kongreßpolen die Bauernbefreiung, und Arbeitssuchende

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Straße in Lodz
Lodz 1820
Lebensborn
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"Polen-Jugendverwahrlager Litzmannstadt"

begannen vom Land in die Städte zu strömen, Lodz galt als das „gelobte Land“. 15 Jahre später lebten 100.000 Menschen in Lodz, von denen die polnischen Arbeiter bereits ein knappes Drittel stellten. Zwar kamen kaum noch Deutsche in das „polnische Manchester“, doch blieben ihre Kenntnisse als Werkmeister, Facharbeiter und Unternehmer bedeutsam für

die wirtschaftliche Entwicklung, und nach wie vor blieben sie unter der Arbeiterschaft überrepräsentiert. 1913 waren noch 15 % der 506.000 Lodzer deutschsprachig, 1931 mindestens 9 %.
Seit der Jahrhundertwende waren die Juden – ob traditionell-religiös oder bürgerlich-akkulturiert – nach den Polen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Es gab jüdische Arbeiter und Fabrikanten, vor allem aber Händler. Sie prägten die Basare der Stadt mit ihrer exotisch anmutenden Buntheit und Lebendigkeit, und von Lodz gingen jiddische Filme in alle Welt. Das Verhältnis von Juden und Deutschen war durch die sprachliche Nähe begünstigt, und 1930 gab es sogar einen Deutsch-Jüdischen Wahlblock. Nichtsdestotrotz war der Antisemitismus in Lodz unter Deutschen wie Polen weit verbreitet.
Zu Lodz gehörte auch das Elend der Arbeiter. Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit lag zeitweise bei 70 %, u. a. weil es in der Stadt lange keine Kanalisation gab. Um 1900 waren immer noch 80 % der Lodzer Analphabeten.

Das zwar nicht sonderlich respektvolle, aber funktionierende Zusammenleben der „Lodzermenschen“ wurde nach 1914 erst durch die deutsche Besatzung, dann durch die minderheitenfeindliche Stimmung im neu entstandene Polen belastet. Dazu kam eine wirtschaftliche Dauerkrise. In den 30ern wurden die Minderheitenschulen eingeschränkt und ab 1938 die Propaganda gegen Juden und Deutsche, von denen einige mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, verschärft. 1939 traf wiederum die deutsche Herrschaft die nichtdeutschen Lodzer mit viel größerer Härte. Die Polen wurden diskriminiert, ins Generalgouverment deportiert oder zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Verschleptte Kinder und Waisen aus ganz Polen wurden ins Lodzer‚Polen-Jugendverwahrlager‘ gesteckt; „rassisch wertvolle“ Kinder wurden von hier aus zur Adoption ins Reich geschickt. Die Juden aus Lodz und Umgebung wurden im „jüdischen Wohnbezirk“ zusammengepfercht,

ausgebeutet und in den Vernichtungslager Chelmno und Auschwitz ermordet. Schlußpunkt der Besatzung war der Tod von Dutzenden Polen in einem provisorischen Gefängnis, das die Bewacher vor ihrem Abzug in Brand steckten. Dann schwang das Pendel der Gewalt gegen die Deutschen zurück: im Lager Sikawa wurden viele gedemütigt und gequält, ehe sie Richtung Westen vertrieben wurden.
Heute ist Lodz eine rein polnische Stadt mit über 800.000 Einwohnern und damit die zweitgrößte Polens. Sie ist Bischofssitz, Universitätsstadt und nach wie vor Zentrum der polnischen Textilindustrie. Um den Standort Lodz zu erhalten, ist er zur Sonderwirtschaftszone erklärt worden. Außerdem ist sie das Zentrum der polnischen Filmindustrie und verfügt über eine blühende Kunstszene.

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