Zitat

Deutsche & Polen

Die Haltung der bundesdeutschen Linken zur Solidarnosc

Manfred Wilke
Biografie

ch war zu dem damaligen Zeitpunkt Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen. Ich habe damals versucht, innerhalb der DGB-Gewerkschaften Solidarität für Solidarnosc zu organisieren. Ich bekam damals für die erkennbare Zurückhaltung zwei Erklärungen. Die eine war: Wir solidarisieren uns doch nicht mit einer katholischen, vom Papst geführten Arbeiterbewegung gegen den Sozialismus. Die zweite war: Jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Polen gefährdet den europäischen Frieden und die Entspannungspolitik. Ergo, was wir machen, ist eigentlich falsch. Sodass das Klügste darin besteht, nichts zu tun. Es ist die Grundphilosophie dieser zweiten Phase der Entspannungspolitik, die die Sozialdemokratie damals durchführte - den Status quo als unabänderlich zu sehen. Solidarnosc zeigte, dass die Welt weiterging. Und dass der Status quo, auch im sowjetischen Imperium, nicht auf Dauer so sein wird. Diese Frage, wie man sich auf diese Veränderungen, die sich abzeichneten, einzustellen hat, die hat damals ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit - und das geht weit über die Sozialdemokraten hinaus - im Westen nicht beantwortet.

Quelle:
Stubenrauch, Jens
"Interview mit Manfred Wilke, Historiker"
ORB, 2002

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