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Deutsche & Polen

Die Debatte über die „polnische Frage“ in Polen

Adam Krzeminski
Biografie

Es gab heftige Debatten im 19. Jh., welchen Weg soll Polen, die polnische politische Klasse, die polnische Nation gehen? Die einen setzten auf die wiederholten Aufstände, die allesamt - bis auf den Aufstand in Posen, nach dem unmittelbaren Waffenstillstand 1918, das war einzige Aufstand, der erfolgreich war – verloren waren. Und man hat immer wieder nach jedem Aufstand überlegt, vielleicht war das falsch, vielleicht müsste man von der Basis, mit der Basisarbeit anfangen, also mit den Teilungsmächten, irgendein Kompromiss eingehen. Und langfristige Strategien, der zivilisatorischen, wirtschaftlichen, ... bildungspolitischen Entwicklung eingehen, dass das Land seine Chance irgendwann mal in der Zukunft erreicht, ohne dass jede Generation ein Blutzoll zahlt. Diese Versuche führten auch zu nichts, weil die Teilungsmächte gar nicht daran interessiert waren, sich diese drei Teile Polens entwickeln zu lassen. Das war für sie Randzone. Russland war nicht daran interessiert, Polen zu modernisieren, zu industrialisieren, wenn schon dann eher Zentralrussland. Es gelang zwar zwei, drei Zentren, Lodz, Textilindustrie und, und, und. Aber dasselbe gilt für Galizien. Galizien war eine absolute Provinz im Rahmen des Habsburger Reichs. Man hat investiert in Böhmen, weil das zentral lag. Und nicht gefährdet war durch irgendwelche Kriege mit Russland, falls es zu ihnen gekommen wäre. Davon profitierte die Tschechoslowakei nach der Staatsgründung. Dasselbe galt auch für Preußen. Preußen hat auch nicht im Posnischen investiert. Posen das war sehr, sehr gute, moderne Landwirtschaft, aber eben nicht viel mehr. Investiert hat man eben im Westen. Das heißt Polen war im ganzen 19. Jh. eine absolute Provinz dreier Teilungsmächte und die Polen wußten, dass sie sozusagen den Wettlauf mit der Zeit verlieren. Dass sie, wenn es so weiter geht, nicht 100 Jahre oder 150, dann sind sie nur ... wie ein Blinddarm dreier Teilungsmächte sozusagen, mit einer rudimentären Sprache, daher auch diese Ideologie, mit Gewalt durch die Aufstände sich ins Bild zu setzen. Und wenn sie schon keine Chance haben, zu gewinnen, dann zumindest zu zeigen, uns gibt es noch und man muss mit dieser polnischen Wunde, mit dieser polnischen Frage ... rechnen.

Übrigens das selbe Dilemma hatten die Ungarn, nur die Ungarn hatten sich nach dem Desaster der Völker- revolution 1848, nach der Erfahrung des polnischen Aufstandes von 1863, 1867 einen Kompromiss mit Wien eingegangen. Es kam zu einer Dualmonarchie – Österreich-Ungarn. Ungarn hat unheimlich viel davon profitiert. Budapest und zugleich alles verloren in Tihano, weil es in Tihano, nach dem I. Weltkrieg wiederum als Mitschuldiger des Krieges betrachtet wurde. Während Polen als Hauptopfer des Unrechts, der Teilungen galt und damit auch der Hauptgewinner des I. Weltkrieges wurde. Insofern kann man nie auf Nummer sicher gehen, welche Strategie ist die Beste. Die der Aufstände, auch Selbstzerstörung? Genauso wie der Warschauer Aufstand 44. Man könnte sagen, wir haben heute eine heftige Debatte, war es überhaupt sinnvoll einen Aufstand zu starten, als man wusste, dass Stalin sich diesen Teil Europas sich unterwirft. Denn er hat in Lemberg, in Wilna gezeigt, wie er mit den polnischen Verbänden, die sich dort outen als polnische Untergrundarmee, wie er mit ihnen vorgeht. Dieser Aufstand hat im August 44 zwar Stalin ein Problem geschaffen. Und man kann sagen, neben Hitlers Stalinpakt und Katyn, waren das drei Momente, die ein Stachel waren im historischen Bewusstsein. Man wusste, mit diesen Polen kann man nicht so umgehen wie mit denen, die Alliierte Hitlers waren.

Auf der anderen Seite hat das Polen danach ein Selbstwertgefühl gegeben. Auf der anderen Seite, Zerstörung der Hauptstadt mit 200 Tausend bestens gebildeter ... also praktisch, das war die Blüte der polnischen Intelligenz, die in diesem Aufstand fiel. Die Hauptstadt vernichtet mit Archiven, Museen, also praktisch das, was die Kultur dieser Nation und dieses Staates aus- machte. Auch das ist nicht eindeutig. War das eine vernünftige Entscheidung im Wahn, wie man das in der polnischen Romantik hören kann: „Wir sind vernünftig im Wahn.“ Oder war das eine absolute Dummheit, die der polnischen Nation viel mehr geschadet hat, als es ihr gebracht hat. Es gibt in jeder Geschichte, in der deutschen, in der französischen, in jeder Geschichte gibt es solche Momente, die man nie eindeutig in das Verdikt der Geschichte stellen kann, weil es einfach unmöglich ist. Die Geschichte war so, war tragisch und Schluss. Wir können nur über sie nachsinnen, nachdenken, aber man kann nicht sagen, es hätte anders sein sollen.

Quelle:
Stubenrauch, Jens , Hohmann, Lew
"Interview mit Andrzej Krzeminski"
ORB

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