1880
Polen im Ruhrgebiet

Infolge der stark einsetzenden Industrialisierung kommt es zu Bevölkerungswanderungen. Polen aus den russischen, österreichischen und deutschen Teilgebieten wandern ebenso wie die Deutschen in die Industriezentren ab. Im Deutschen Reich beginnt man, von der "Gefahr einer Überschwemmung durch das Slawentum" zu sprechen.

Auf dem Gruppenfoto posiert eine Turnerriege. Schärpen, Rogatywki, die viereckigen Mütze des polnischen Militärs, Turnstöcke. Sie sehen aus wie Soldaten. Es sind Mitglieder des polnischen Turnvereins „Sokol“ im Ruhrgebiet - „Westfalzcyks“. Ende des 19.Jahrhunderts nimmt der Abbau von Steinkohle im Ruhrgebiet explosionsartig zu. Arbeitskräfte werden dringend gesucht. Aus Ostpreußen, Westpreußen, der Provinz Posen und Oberschlesien kommen zahllose

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junge polnische Arbeiter nach Bottrop, Herne, Dortmund,Gelsenkirchen, Duisburg. „VideoPolenzechen“ werden viele Schächte genannt, in denen über die Hälfte Polen arbeiten. Die meisten von ihnen leben lange in einem Provisorium, als Kostgänger Video und in Logis bei deutschen Familien. Oft werden die Polen als Menschen zweiter Klasse behandelt. Der dumme Polacke, der faule Polacke, der betrunkene Polacke lauten die üblichen Klischees. VideoDie Polen legen Wert darauf ihre Sprache und vor allem ihren Katholischen Glauben zu behalten. So geraten sie in eine zwiespältige Situation. Sie werden gebraucht und gut bezahlt, zugleich aber macht der „Kulturkampf“ aus jedem Polen einen potenziellen Reichsfeind. Zunächst finden noch katholische Gottesdienste statt, Zitatdie von polnischen Priestern gehalten werden. Dann werden diese verboten, einheimische Katholiken übernehmen die priesterliche Betreuung. Die Polen flüchten sich in Vereine. 1912 gibt es davon über 1000 mit mehr als 120.000 Mitgliedern.

Germanisierungs- und Kampfpolitik 1871-1914
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Kardinal Miecyslaw Ledochowski

Die Sicherheitshysterie der deutschen Polizei geht soweit, dass jeder Verein überwacht, jede Fahne, jede Tracht, jedes Lied, jede Rede protokolliert wird. Deutsche Polizisten müssen Polnisch lernen. Als die deutsche Polizei mit dem immer mehr wachsenden Aufwand überfordert ist, werden 1908 mit dem Reichsvereinsgesetz kurzerhand alle öffentlichen

Veranstaltungen in polnischer Sprache verboten. Die Antwort der Polen sind die „stummen Versammlungen“, Tafeln werden hochgehalten auf denen steht: „Wir singen jetzt das polnische Lied ....“. 1909 schließlich wird die „Zentralstelle für die Überwachung der Polenbewegung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet“ in Bochum eingerichtet. Video Die Bergbaubehörden weigern sich, Sicherheitsbestimmungen zweisprachig zu drucken. Streiks brechen aus, gegen die unverhältnismäßig eingeschritten wird. Es gibt Tote und Verwundete. 1905 findet im Verhältnis der polnischen zu den deutschen Bergarbeitern ein erster Wandel statt. Erstmals streiken Deutsche und Polen gemeinsam. Mit der Unterstützung der Sozialdemokraten handeln sich die Polen, traditionsgemäß Wähler der Katholischen Zentrumspartei Kritik aus der Heimat ein. Inzwischen sind etwa 400.000 Polen im Ruhrrevier. Ein Wohnviertel in Bochum heißt bei den Einheimischen „Klein Warschau“ oder

Drzymalas Wagen 1904
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Der Wagen von Drzymala

der „Polnische Querschlag“. Hier konzentriert sich, was inzwischen an Einrichtungen entstanden ist. Video Die polnische Gewerkschaft ZZP, das Büro der polnischen Reichstagsfraktion, die Druckerei der größten Zeitung „Wiarus Polski“, die „Bank Robotnikow“, die polnische Arbeiterbank und die „Bank Handlowy“, ein Ableger jener polnischen Banken,

die erfolgreich die rigide Kreditpolitik des deutschen Reiches in Polen unterlaufen. Polnische Geschäfte entstehen, die über mangelnde Kundschaft nicht klagen müssen. Deutsche Gastwirte, mehr pekuniär als national gesinnt, annoncieren polnisch, Sportvereine, allen voran „Schalke 04“ kommen ohne polnische Akteure nicht aus. Viele Polen nutzen nach 1904 die Möglichkeit des Namensänderungsgesetzes. Seit der Germanisierungswahn ihnen in ihrer Heimat den Grunderwerb extrem erschwert, siedeln sich viele im Ruhrgebiet an und bleiben. Mit deutschen Namen wollen Sie sich und ihren Kindern Diskriminierungen ersparen und ähnliche Chancen wie die Einheimischen haben.

19.2.1772    24.7.1792    1795    1800    19.10.1813    1815    1820    1830